Nachlese der zweiten Stunde (27. März 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Ilona ist fort. Nach dem Mittagessen mit ihrer unerträglichen Familie sind erst einmal die Pferde ihr Trost. Plötzlich hört sie draußen ein Rascheln im Heckenrosenstrauch. Sie glaubt, es sei ein Rehkitz. Das möchte sie unbedingt mit nach Hause nehmen. Doch sie sieht nur einen Schatten, der im Wald verschwindet. Ilona hastet hinterher, wie auf der Jagd. Die Füße folgen unsichtbaren Wegen, schmalen Schattenstraßen. Mauern ragen hoch empor. Durch Blattwerk und Bäume geht fremd d
Nachlese der ersten Stunde (13. März 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Sándor wird wieder Vater. Lajos, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, erblickt am Tag der drei Könige das Licht der Welt. Sándor ist entsetzt. Ist dieses Glaskind überhaupt sein Kind? Für einen kurzen Augenblick erwägt Sándor, dem Kind die kleine Nase und den Mund zuzuhalten. Dieser Gedanke ist schnell verflogen, Fragen werden nicht gestellt, denn er fürchtet die Antwort. Ein paar Jahr später sitzt Lajos mit am Familientisch, und plötzlich fragt Sándor seine Fra
Nachlese der sechsten Stunde (19. Dezember 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Schostakowitsch denkt über den Tod nach. Er fühlt sich zwiegespalten. Einerseits fürchtet er den Tod nicht, sondern eher das Leben, andererseits denkt er dann doch wieder, am meisten schrecke ihn der Tod. Er ist überzeugt, die Menschen sollen mehr über den Tod nachdenken, um weniger Fehler im Leben zu machen. Und er möchte nicht, dass sich Freund Hein unvorbereitet von hinten anschleicht, um ihn zu holen. „Niemand stirbt zur rechten Zeit“ ist sein Credo. Über das Problem, übe
Nachlese der fünften Stunde (5. Dezember 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Für wen kreiert man Kunst? Schostakowitsch hat seine eigene Vorstellung. Er möchte Musik für die schreiben, die seine Musik am besten zu würdigen verstehen, egal welcher gesellschaftlichen Herkunft sie sind. Kunst existiert um der Menschen willen. Sie ist für ihn zwar immer anti-aristokratisch gewesen, aber er will sie auch nicht für den müde von der Schicht heimkehrenden Bergmann schreiben. Aber genau dieses möchte die Macht. Hat doch Lenin damals verkündet: „Die Kunst gehör
Nachlese der vierten Stunde (21. November 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Die Tyrannei weiß, wo die meisten Menschen ihre schwachen Seiten haben und wie sie damit umgehen muss. Sie ist vielleicht paranoid, aber nicht dumm. Wenn sie dumm wäre, könnte sie sich nicht halten, und wenn sie Prinzipien hätte, könnte sie sich ebensowenig halten. Sie dreht ihr Fähnchen nach dem Wind, der gerade weht, benutzt Menschen, wie es ihr gerade passt. Mit ihrer Allmacht herrscht sie über Leben und Tod, kennt keine Gnade und auch kein Mitleid. Was macht diese Haltung
Nachlese der dritten Stunde (07. November 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Marschall Tuchatschewski ist immer ein großer Förderer Schostakowitschs gewesen. Sie stehen in freundschaftlicher Verbindung. Doch plötzlich interessiert sich die Macht für diese Freundschaft. Kurz vorher hat man Schostakowitschs Opern und Ballette abgesetzt, seine Karriere ins Nichts katapultiert. Die Macht lässt jetzt durchblicken, dass er vielleicht gar nicht mehr leben soll, und sie laden ihn vor. Sakrewski leitet das Verhör im Großen Haus. Alles dreht sich um Tuchatschew
Nachlese der zweiten Stunde (24. Oktober 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Schostakowitsch hat die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ komponiert. Er hat das Drama zu „Lady Macbeth“ vertont, was Nikolai Semjonowitsch Leskow russifiziert hat. Im In- und Ausland feiert er große Erfolge mit dem Stück. Das macht den Staatsapparat aufmerksam. Stalin geht mit seiner Entourage in die Oper, sich dieses Werk um Liebe und Tod anzuschauen. Er ist ein Opernliebhaber. Unglücklicherweise ist die Loge direkt über dem Schlagzeug und den Blechbläsern. Es wird fortissimo
Nachlese der ersten Stunde (10. Oktober 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Es scheint sich nichts zu verändern: Zu allen Zeiten werden junge Männer im Kriegsgeschehen zerfetzt, getötet, psychisch vernichtet. Alles im Dienst einer großen Sache. Julian Barnes stellt diese Aussage seinem Roman „Der Lärm der Zeit“ voran. Der Protagonist ist der Komponist Dimitri Schostakowitsch, der sein junges Erwachsenenleben unter der Schreckensherrschaft Josef Stalins bewältigen muss. Seine ganze Welt ist die Musik. Die Noten in seinem Kopf überschlagen sich. Er kom
Nachlese der sechsten Stunde (23. Mai 2025) - „Die Enkelin“ von Bernhard Schlink
Kaspars Einfluss auf Sigrun hat gefruchtet. Sie denkt über sich und ihre Welt nach und entschließt sich, weit weg nach Australien zu...
Nachlese der fünften Stunde (09. Mai 2025) - „Die Enkelin“ von Bernhard Schlink
Kaspar findet Birgits Tochter Svenja bei den Völkischen. Nach ihrer Odyssee im Elternhaus, dem Erziehungsheim und bei den Skins findet...