Nachlese der fünften Stunde (08. Mai 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Budapest wird eingenommen. Nachdem die deutschen und ungarischen Truppen am 13. Februar 1945 kapituliert haben, ist die russische Armee nach mehrmonatiger Belagerung die neue Herrscherin der Stadt. Marschall Malinowski gewährt seinen Männern freien Raub. Die Hölle auf Erden beginnt. Männer werden verschleppt, Kirchen zerstört, Wohnungen geplündert, Nahrung aufgezehrt, Frauen und Mädchen geschändet. Ist das die gerechte Strafe für die vorausgegangenen Gräueltaten, die zuvor an
Nachlese der vierten Stunde (24. April 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Was ist Edmund Pontiller für ein Mensch? Der unbeugsame Benediktiner kommt im Frühjahr 1940 als Schlosskaplan zu den Lázárs ins Herrenhaus. Er ist der erste Mensch seit vielen Jahren, der sich in den sagenumwobenen Wald ohne Gewehr wagt. Er fürchtet sich nicht vor dem abergläubischen Geschwätz der Leute und macht sich mit Notizbuch, Bleistift und der Bibel auf den Weg und will so den Aberglauben mit Taten bekämpfen. Neben der Bibel ist sein wichtigstes literarisches Werk Prou
Nachlese der dritten Stunde (10. April 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Maria beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ohne sich an diesem Morgen die Arme zu ritzen, nimmt sie Platz auf ihrem Frisiertisch, schminkt sich die Lippen klatschmohnrot, steckt ihre Perlohrringe in die Ohrlöcher, öffnet ihr geflochtenes Haar, zieht ihre blaue Strickjacke über ihr Nachthemd, füllt draußen große Steine in die Taschen ihrer Jacke und steigt hinein in den See. Das Wasser umschließt sie, als kehre sie zurück in ein Nichts. Tochter Ilona hat ihrem Vater aus
Nachlese der zweiten Stunde (27. März 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Ilona ist fort. Nach dem Mittagessen mit ihrer unerträglichen Familie sind erst einmal die Pferde ihr Trost. Plötzlich hört sie draußen ein Rascheln im Heckenrosenstrauch. Sie glaubt, es sei ein Rehkitz. Das möchte sie unbedingt mit nach Hause nehmen. Doch sie sieht nur einen Schatten, der im Wald verschwindet. Ilona hastet hinterher, wie auf der Jagd. Die Füße folgen unsichtbaren Wegen, schmalen Schattenstraßen. Mauern ragen hoch empor. Durch Blattwerk und Bäume geht fremd d
Nachlese der ersten Stunde (13. März 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Sándor wird wieder Vater. Lajos, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, erblickt am Tag der drei Könige das Licht der Welt. Sándor ist entsetzt. Ist dieses Glaskind überhaupt sein Kind? Für einen kurzen Augenblick erwägt Sándor, dem Kind die kleine Nase und den Mund zuzuhalten. Dieser Gedanke ist schnell verflogen, Fragen werden nicht gestellt, denn er fürchtet die Antwort. Ein paar Jahr später sitzt Lajos mit am Familientisch, und plötzlich fragt Sándor seine Fra
Nachlese der sechsten Stunde (19. Dezember 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Schostakowitsch denkt über den Tod nach. Er fühlt sich zwiegespalten. Einerseits fürchtet er den Tod nicht, sondern eher das Leben, andererseits denkt er dann doch wieder, am meisten schrecke ihn der Tod. Er ist überzeugt, die Menschen sollen mehr über den Tod nachdenken, um weniger Fehler im Leben zu machen. Und er möchte nicht, dass sich Freund Hein unvorbereitet von hinten anschleicht, um ihn zu holen. „Niemand stirbt zur rechten Zeit“ ist sein Credo. Über das Problem, übe
Nachlese der fünften Stunde (5. Dezember 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Für wen kreiert man Kunst? Schostakowitsch hat seine eigene Vorstellung. Er möchte Musik für die schreiben, die seine Musik am besten zu würdigen verstehen, egal welcher gesellschaftlichen Herkunft sie sind. Kunst existiert um der Menschen willen. Sie ist für ihn zwar immer anti-aristokratisch gewesen, aber er will sie auch nicht für den müde von der Schicht heimkehrenden Bergmann schreiben. Aber genau dieses möchte die Macht. Hat doch Lenin damals verkündet: „Die Kunst gehör
Nachlese der vierten Stunde (21. November 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Die Tyrannei weiß, wo die meisten Menschen ihre schwachen Seiten haben und wie sie damit umgehen muss. Sie ist vielleicht paranoid, aber nicht dumm. Wenn sie dumm wäre, könnte sie sich nicht halten, und wenn sie Prinzipien hätte, könnte sie sich ebensowenig halten. Sie dreht ihr Fähnchen nach dem Wind, der gerade weht, benutzt Menschen, wie es ihr gerade passt. Mit ihrer Allmacht herrscht sie über Leben und Tod, kennt keine Gnade und auch kein Mitleid. Was macht diese Haltung
Nachlese der dritten Stunde (07. November 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Marschall Tuchatschewski ist immer ein großer Förderer Schostakowitschs gewesen. Sie stehen in freundschaftlicher Verbindung. Doch plötzlich interessiert sich die Macht für diese Freundschaft. Kurz vorher hat man Schostakowitschs Opern und Ballette abgesetzt, seine Karriere ins Nichts katapultiert. Die Macht lässt jetzt durchblicken, dass er vielleicht gar nicht mehr leben soll, und sie laden ihn vor. Sakrewski leitet das Verhör im Großen Haus. Alles dreht sich um Tuchatschew
Nachlese der zweiten Stunde (24. Oktober 2025) – „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes
Schostakowitsch hat die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ komponiert. Er hat das Drama zu „Lady Macbeth“ vertont, was Nikolai Semjonowitsch Leskow russifiziert hat. Im In- und Ausland feiert er große Erfolge mit dem Stück. Das macht den Staatsapparat aufmerksam. Stalin geht mit seiner Entourage in die Oper, sich dieses Werk um Liebe und Tod anzuschauen. Er ist ein Opernliebhaber. Unglücklicherweise ist die Loge direkt über dem Schlagzeug und den Blechbläsern. Es wird fortissimo