Nachlese der sechsten Stunde (22. Mai 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
„Die Kommunisten sind da! Wir müssen raus!!“, ruft das Dienstmädchen aufgeregt, indem sie auf das Waldschloss zuläuft. Eigentlich sind alle in der Familie darauf vorbereitet, und doch kommt alles aus dem Nichts und trifft die Lázárs wie ein Schlag. Die Beamten, die das Schloss betreten, wirken bäuerlich trotz ihrer Respekt einflößenden Uniform. Pista vermutet, dass die Kommunisten ihr Leben lang davon geträumt haben, ein Leben wie die Lázárs zu führen. Eine Stunde hat die Fam
Nachlese der fünften Stunde (08. Mai 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Budapest wird eingenommen. Nachdem die deutschen und ungarischen Truppen am 13. Februar 1945 kapituliert haben, ist die russische Armee nach mehrmonatiger Belagerung die neue Herrscherin der Stadt. Marschall Malinowski gewährt seinen Männern freien Raub. Die Hölle auf Erden beginnt. Männer werden verschleppt, Kirchen zerstört, Wohnungen geplündert, Nahrung aufgezehrt, Frauen und Mädchen geschändet. Ist das die gerechte Strafe für die vorausgegangenen Gräueltaten, die zuvor an
Nachlese der vierten Stunde (24. April 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Was ist Edmund Pontiller für ein Mensch? Der unbeugsame Benediktiner kommt im Frühjahr 1940 als Schlosskaplan zu den Lázárs ins Herrenhaus. Er ist der erste Mensch seit vielen Jahren, der sich in den sagenumwobenen Wald ohne Gewehr wagt. Er fürchtet sich nicht vor dem abergläubischen Geschwätz der Leute und macht sich mit Notizbuch, Bleistift und der Bibel auf den Weg und will so den Aberglauben mit Taten bekämpfen. Neben der Bibel ist sein wichtigstes literarisches Werk Prou
Nachlese der dritten Stunde (10. April 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Maria beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ohne sich an diesem Morgen die Arme zu ritzen, nimmt sie Platz auf ihrem Frisiertisch, schminkt sich die Lippen klatschmohnrot, steckt ihre Perlohrringe in die Ohrlöcher, öffnet ihr geflochtenes Haar, zieht ihre blaue Strickjacke über ihr Nachthemd, füllt draußen große Steine in die Taschen ihrer Jacke und steigt hinein in den See. Das Wasser umschließt sie, als kehre sie zurück in ein Nichts. Tochter Ilona hat ihrem Vater aus
Nachlese der zweiten Stunde (27. März 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Ilona ist fort. Nach dem Mittagessen mit ihrer unerträglichen Familie sind erst einmal die Pferde ihr Trost. Plötzlich hört sie draußen ein Rascheln im Heckenrosenstrauch. Sie glaubt, es sei ein Rehkitz. Das möchte sie unbedingt mit nach Hause nehmen. Doch sie sieht nur einen Schatten, der im Wald verschwindet. Ilona hastet hinterher, wie auf der Jagd. Die Füße folgen unsichtbaren Wegen, schmalen Schattenstraßen. Mauern ragen hoch empor. Durch Blattwerk und Bäume geht fremd d
Nachlese der ersten Stunde (13. März 2026) – „Lázár“ von Nelio Biedermann
Sándor wird wieder Vater. Lajos, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, erblickt am Tag der drei Könige das Licht der Welt. Sándor ist entsetzt. Ist dieses Glaskind überhaupt sein Kind? Für einen kurzen Augenblick erwägt Sándor, dem Kind die kleine Nase und den Mund zuzuhalten. Dieser Gedanke ist schnell verflogen, Fragen werden nicht gestellt, denn er fürchtet die Antwort. Ein paar Jahr später sitzt Lajos mit am Familientisch, und plötzlich fragt Sándor seine Fra